Anne Gabriel-Jürgens

Zurück ins Risiko!

Die Zeiten sind unsicher. Warum wir gerade darum jetzt kräftig investieren – und was Sie schon im September davon haben.

Sehr geehrte Frau Verlegerin
Sehr geehrter Herr Verleger – and everybody beyond!

Flüche sind wie Träume. Was sie bedeuten, weiss man erst, wenn sie wahr werden.

So auch beim Fluch: «Du sollst in interessanten Zeiten leben!» Das Tückische an interessanten Zeiten ist nicht nur, dass eine Menge passiert. Sondern dass man selber interessant wird.

In langweiligen Zeiten lebt man einfach sein Leben. Aber in interessanten Zeiten wird plötzlich entscheidend, was man tut. Oder nicht tut.

Fast über Nacht scheinen fast alle erdenklichen Bomben gleichzeitig scharf geworden zu sein: In den USA, aber auch in Europa hebt der Faschismus sein Haupt, in der Ukraine herrscht Krieg, Russland droht dem Westen mit Atom­schlägen, die Chinesen drohen Taiwan, die Inflation kehrt zurück, die Pandemie ist zwar aus den Schlag­zeilen verschwunden, aber nicht aus der Atemluft, eine zweite Pandemie hat sich dazugesellt, die öffentliche Debatte ist voller Dummheiten und Gereiztheit – und das ehemals harmloseste Gesprächs­thema, das Wetter, bringt gerade Sonne, vertrocknete Flüsse und leere Seen voller freigelegter Römer­häfen und Mafialeichen.

Nicht dass wir völlig überrumpelt wären. Die Themen begleiten uns schon länger. Doch die meisten Krisen sind wie Zeit­bomben: Jemand sollte schnell etwas tun, sonst … tick, tick, tick, tick.

All das ist eine Zumutung. Allein intellektuell: Wer soll das durchschauen? Gefühls­mässig: Wie sollen wir damit leben? Organisatorisch: Wer soll wie handeln?

Und als einzelner Mensch – was tun? Vorräte anlegen? Demonstrieren? Kalt duschen? Jod­tabletten besorgen? Die Kinder zum Kampf­sport schicken? Alles lesen? Nichts mehr lesen? Sich fürchten? Oder das meiste ignorieren?

Nur, so sieht der Fluch der interessanten Zeiten eben aus: Interessant wird es im Kino, aber leider auch im Leben dann, wenn jemand rettungslos überfordert ist.

Dann zeigt sich, was in einem steckt.

Das gilt auch für Journalismus. Selten ist eine präzise Landkarte so wichtig wie bei Nebel im abschüssigen Gelände.

Kurz: Wir fühlen mit Ihnen. Was wir lieber nicht täten. Es wäre sehr erfreulich, wir wären weit klüger als Sie. Souveräner. Besser organisiert. Und im Besitz einer Kristall­kugel.

Überhaupt gibt es – wenn man Hannah Arendt folgt – nur ein Rezept, die Zukunft vorher­zusagen: Gib ein Versprechen und halte es.

Was auch kein schlechtes Rezept für unsichere Zeiten ist: Am ehesten hat man noch die Übersicht, wenn man handelt.

Den Einsatz erhöhen

In unserem Fall bedeutet das, den Job zu tun, den wir bei der Gründung der «Republik» versprachen: die Köpfe klarer und die Herzen weiter zu machen. Nicht die Mosaik­steine zu liefern, sondern das ganze Bild. Vernünftige Informationen, damit Sie vernünftige Entscheidungen treffen können.

Deshalb will der Verwaltungsrat (und gleichzeitig Vorstand der Project R Genossenschaft) auf das neue Geschäfts­jahr nicht einfach auf Nummer sicher gehen. Wir erhöhen das Budget: von 6,3 auf 8,6 Millionen Franken (davon sind 1,3 Millionen Franken eine einmalige, nicht wieder­kehrende Investition – mehr dazu im Oktober, wenn wir Ihnen wie jedes Jahr das Budget im Detail vorstellen). Als erstes Ergebnis davon können wir Ihnen heute folgende drei grosse Neuigkeiten ankündigen:

  • Ein neuer Pfeiler der Publizistik mit kurzen, schnellen Beiträgen. (Für die «Republik» eine echte Heraus­forderung.) Wir starten damit noch in diesem Monat.

  • Ein neuer Verbreitungsweg: das Ohr. Schon seit diesem Frühling können Sie sich die «Republik» von einer Maschine vorlesen lassen. Neu (sehr wahrscheinlich: ab Oktober) werden sämtliche Texte der «Republik» von professionellen Sprecherinnen eingelesen: damit Sie die «Republik» auch im Auto, beim Abwasch, beim Training oder – weiss der Himmel – zum schnelleren Einschlafen brauchen können. (Bei Ungeduld: Tragen Sie sich hier ein, dann verpassen Sie garantiert den Start nicht.)

  • Ein Klimalabor: Die Klimakrise ist in ihrer Monstrosität auch eine Krise für den Journalismus: Es erscheint gleichzeitig zu viel und zu wenig. Was bringt die Debatte wirklich weiter? Was muss man wissen, damit man handeln kann? Um Antworten zu finden, wollen wir mit den Leuten reden, die es angeht: mit Ihnen, Frau Verlegerin, Herr Verleger (and everybody beyond!). «Republik»-Reporter Elia Blülle und David Bauer, der dafür als Projekt­leiter zur «Republik» kommt, werden mit Ihnen reden. Um in den kommenden Monaten ein publizistisches Produkt zur Klimakrise zu entwickeln: klar, verlässlich, brauchbar. Wenn Sie uns auf dieser Expedition begleiten wollen, melden Sie sich hier.

Bereits umgesetzt und in Betrieb ist ausserdem: eine schlag­kräftigere Produktions­abteilung. Was diese genau macht (und warum wir ohne sie rasch zur Bananen-«Republik» würden), lesen Sie hier.

Kurz: Wir investieren in Neues. Allerdings nicht ohne Risiko. Die Budget­erhöhung ist umso kühner vom Verwaltungsrat, als unsere Zahlen zwar noch solid sind, aber auch eine Drohung enthalten: Seit Januar sinken sie Monat für Monat leicht.

Diesen Trend müssen wir umkehren.

Helfen Sie dabei mit, indem Sie jetzt an Bord kommen!

Wir haben in unserer Geschichte schon einige Flauten erlebt. Was uns an der jetzigen speziell besorgt: Bis jetzt haben wir immer dann gut verkauft, wenn wir ein wirklich inspiriertes Magazin gemacht haben. Denn Journalismus ist unser einziges Produkt – und sich selbst auch gleich das beste Marketing. Doch seit einigen Monaten stockt die Maschinerie. Was bedeutet, dass irgendwo in dieser Maschine ein Rädchen nicht mehr richtig ins nächste greift.

Nur: Woran liegts? Am Inhalt? An den Zeiten? Am Marketing? An der Konjunktur? An allem ein bisschen – oder an ganz anderem?

Diese neuen Fragen muss zunehmend eine neue Generation beantworten. Weil die Leute, die die «Republik» gründeten und in den ersten Jahren prägten, nach und nach abtreten. Oder die Rolle wechseln.

Das Abenteuer geht weiter

Wie Sie als Verleger und Verlegerin wissen, stand die «Republik» lange auf der Kippe. Journalismus ist eine schrumpfende Branche. Die meisten Start-ups scheitern. Und der Markt in der Schweiz ist klein. Das Abenteuer der ersten Jahre hat seinen Preis.

Die Mitgründerin Clara Vuillemin verliess im Frühling den Verwaltungsrat und den Vorstand. Sie baute das Tech-Team auf, war Produkt­verantwortliche, später Co-Geschäfts­führerin, dann Leiterin der Überlebens­kampagne. Ohne sie und die anderen Mitgründer wäre die «Republik» nicht dort, wo sie jetzt ist. Weil es sie gar nicht gäbe.

Apropos Mitgründer: Constantin Seibt verlässt den Verwaltungs­rat und den Vorstand im Herbst. Und wie Sie wissen, hat Christof Moser Anfang Jahr die Chef­redaktion abgegeben. Christof zieht sich zwar weiter aus dem Projekt zurück, beide bleiben aber an Bord – in Stabs­stellen unter Chefredaktor ad interim Oliver Fuchs. Christof für vertrackte Redigaturen. Constantin für publizistische Projekte und eigene Texte.

Auch unsere langjährige Geschäfts­führerin Miriam Walther wird im Herbst das Unter­nehmen verlassen, um wieder die Welt zu sehen statt das Büro. Sie hasst lange Dankes­reden, also eine kurze: Danke. Für das alles und mehr. Zwei ihrer Weggefährtinnen übernehmen voller Tatendrang ad interim die Geschäfts­leitung: Amanda Strub (bisher HR-Chefin) und Katharina Hemmer (bisher stellvertretende Geschäfts­führerin und Co-Chefin Community & Marketing).

Kurzer Hinweis: Falls Sie sich lieber mit Neuzugängen und weiteren internen Karriere­sprüngen beschäftigen möchten – im Newsletter vom Juli finden Sie eine ganze Menge davon.

Wohin der Kurs führt

Sie merken: In den letzten Monaten haben wir uns ausser mit der Welt auch ziemlich heftig mit der Organisation herum­geschlagen. Wir haben dabei unsere Routinen überprüft und verändert – zu mehr Feedback, Kritik und Freundlichkeit.

Wir hoffen, dass Sie die Umbauten als Leserin nicht zu sehr gemerkt haben. Wir selbst ziehen eine gemischte Bilanz: Einerseits sind uns immer wieder einige Dinge gelungen, andererseits­… waren wir wirklich auf der Höhe der Zeit?

Weil jetzt zählt, was man tut. Wer in einem steckt.

Wir wissen noch nicht, wie dieser Herbst wird. Aber wir wissen, wie wir den Kompass setzen wollen:

  1. Vertrauen: Wir werden uns weiter für Sie interessieren. Und zwar nicht nur als Publikum: deshalb, weil der Journalismus der «Republik» auf Vertrauen basiert – und wir haben eine ziemliche Infra­struktur dafür gebaut: Fakten­check, Korrektorat, transparente Unternehmens­nachrichten, Fehler öffentlich machen, Anwesenheit der Autorinnen in Debatten, möglichst prompte Erste Hilfe bei Problemen, Specials wie den Covid-Newsletter –, denn wir glauben, dass Vertrauen in unruhigen Zeiten nicht vorausgesetzt werden kann, sondern immer wieder erneuert werden muss. Und zwar durch Taten.

  2. Klarheit: Wir werden uns weiterhin um einen klaren Kopf bemühen. Unseren und Ihren. Unser wichtigster Job bleibt, sorgfältig recherchierte Hinter­gründe zur Aktualität zu liefern.

  3. Höflichkeit: Nicht nur Genauigkeit zählt. Sondern auch Höflichkeit, Empathie, Umgangs­formen. Weil weder die private Neugier noch die öffentliche Debatte ohne Grosszügigkeit überleben.

Was das Geschäftliche anbelangt:

Die erste Generation hat geschafft, was anfangs nur Träumer für realistisch hielten: Schwarze Zahlen.

Jetzt werden wir wieder ins Risiko gehen. Weil wir bis jetzt noch nie falschlagen, wenn wir auf die starken Schultern unserer Verlegerschaft gebaut haben.

Weil Lähmung genau das Ziel all der Kräfte ist, die auf Verwirrung setzen.

Und weil wir glauben, dass es im Geschäft so läuft wie in der Politik: Der sicherste Weg, die Zukunft zu verpassen, ist, sich an den Status quo zu klammern.

Wir werden nicht besonders viel Zeit haben, heraus­zufinden, ob das konsequent oder ein Irrtum ist. Momentan haben wir etwas über 28’000 Verlegerinnen. Wir werden bis nächsten Sommer deutlich über 30’000 an Bord haben müssen.

Was heisst: Unser Geschäfts­modell bleibt ein Abenteuer. Wir werden Sie weiterhin an Bord brauchen. Wenn nicht sogar an Deck.

So viel heute zur Lage der «Republik». Wir wünschen Ihnen steife Ohren, ein weites Herz und einen klaren Kopf im Sturm!

Ihre Crew von Project R und der «Republik»

PS: Falls Sie an Bord kommen wollen: Lösen Sie jetzt eine Mitgliedschaft oder, wenn Ihnen das lieber ist, ein Monatsabonnement.

PPS: Falls Sie am Steuerrad mitdrehen wollen: Schreiben Sie uns Ihre Warnungen, Ideen, Kritik im Verlagsetagen-Dialog. (Das geht nur, wenn Sie Verlegerin sind.)

PPPS: Falls Sie uns dieses oder jenes ins (maskierte) Gesicht sagen wollen, können Sie das gerne tun: etwa am 27. September im Neubad in Luzern, im Oktober im Progr in Bern, oder im November in Basel in der Markt­halle. (Genaue Daten folgen.)

PPPPS: Über 800 von Ihnen haben den «Republik»-Sommer­fragebogen ausgefüllt. Danke dafür – die Antworten waren ein Lesevergnügen!

PPPPPS: Die Mutigsten unter Ihnen haben sich einer gestrengen Jury gestellt. Diese hat die Entscheidung getroffen, Ihnen allen den «Republik»-Wasserball zuzusenden. (Füllbar mit einem klassischen journalistischen Rohstoff: warmer Luft.)

PPPPPPS: Damit Sie uns nicht für entscheidungs­schwach halten, hier die Rangliste für den unpassendsten Namen eines Haustiers – 3. Platz: Heribert. 2. Platz: (der Name eines Familienmitgliedes). 1. Platz: Mittagessen.

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