Jetzt bloss nicht stehen bleiben

Die «Republik» hat den Durchbruch geschafft. Was jetzt für neue interessante Probleme auf uns und auf Sie warten.

Sehr geehrte Frau Verlegerin

Sehr geehrter Herr Verleger

Die «Republik» stand stets auf der Kippe: vom Crowdfunding bis zum Nahtod letzten Winter. Während dieser Zeit gab es eigentlich nur eine Instanz, die nie für ein gröberes Problem verantwortlich war: Sie.

Doch das ist vorbei. Nun haben auch Sie Ihre Unschuld verloren – zusammen mit Ihren mehr als 28’000 Kolleginnen und Kollegen in der Verlagsetage. Weil Sie uns mit Ihrer Treue, Ihrem Werben bei Freundinnen und Feinden, Ihrer Grosszügigkeit vor ein für uns gänzlich neues Problem gestellt haben.

Zugegeben, dieses neue Problem ist das beste Problem, das wir je hatten. Doch das macht es nicht weniger gefährlich.

Es ist: der ungewohnte Mangel an existenziellem Drama.

Seit vergangenem Sommer befindet sich die «Republik» finanziell konstant in der grünen Zone. Sie blieb es auch nach der Erneuerungs-Klippe vom Januar (wie wir Ihnen vor einem Monat vermelden durften). Und jetzt wissen wir: Sie bleibt es auch nach der Klippe vom März.

Betriebswissenschaftlerinnen und sonstige Nerds finden die genauen Zahlen in den PS (oder den tagesaktuellen Stand im Cockpit). Für den Rest der Verlegerschaft genügt: Die Erneuerung lief weit souveräner, als die Übermütigsten unter uns vorhersagten.

Im Grunde würden wir uns nicht wundern, wenn nächste Woche ein Einhorn in die Redaktionssitzung spazieren würde. Der erste Businessplan für die «Republik» erstreckte sich über sieben Jahre statt die üblichen fünf. Deshalb, weil damals niemandem ein realistischer Weg einfiel, schneller in die schwarzen Zahlen zu kommen.

Damit haben wir – zumindest für jetzt – das tollkühnste Ziel erreicht, das wir uns beim Start vorgenommen haben: «ein Modell für unabhängigen Journalismus zu bauen – finanziert von seinen Leserinnen, ohne Kompromisse, ohne Werbung und ohne Bullshit.»

Und wir versprachen damals: «Unser Ziel ist, Sie ein paar Mal im Jahr stolz zu machen, Verleger oder Verlegerin der ‹Republik› zu sein.» Nun haben wir immerhin das Gegenteil erreicht: Wir sind stolz auf Sie – auf alle in der Verlagsetage.

Natürlich sind wir noch längst nicht über den Berg. Was uns im Augenblick nervös macht, ist Folgendes:

  • Unser Modell ist extrem anfällig für Schwankungen. Zwei, drei lahme Monate, vier, fünf Prozent mehr Kündigungen – und schon dreht wieder die Abwärtsspirale.

  • Dazu weiss niemand, was passiert, wenn Covid-19 endlich weggeimpft ist. Und wir alle ganz andere Dinge zu tun haben, als zu lesen.

  • Mit dem Covid-19-Uhr-Newsletter landeten wir einen Überraschungshit. Was, wenn es publizistisch schlüssig, aber ein ökonomischer Irrsinn war, ihn Mangels inneren Feuers nun abzustellen?

  • Eine der häufigsten Todesursachen für junge Unternehmen ist der Kollaps im dritten Jahr: Dann, wenn die Leute, die vom Start an dabei waren, müde sind und wieder ein Privatleben haben wollen.

Egal, was die Zahlen sagen. Im Grunde geht es uns mit der «Republik» so wie unserem Korrektor Daniel Meyer, der in einem Ratgebertext zur Vaterschaft schrieb:

«Man bekommt das kostenlos zu seinen Kindern geliefert: die Sorge um sie. Sie überfällt mich manchmal aus dem Nichts und schnürt mir das Herz ab.»

Glaube nie an den eigenen Erfolg

Doch die momentan unmittelbarste Gefahr liegt: im Erfolg selbst.

Zum Ersten sind wir nicht mehr klein, süss und David. In einem Medienmagazin zählte man uns neulich zu den «grossen Acht» unter den Schweizer Verlagshäusern. Und die «NZZ» schrieb zum Gesetz zur Förderung von Onlinemedien von einer «Lex Republik».

Beides war übertrieben, aber eine Warnung. Es war zu Anfang des Projekts ein grosser Spass, alles ein wenig so zu schreiben und zu verkünden, als hätten wir bereits eine 300-jährige Tradition.

Doch nach nur drei Jahren besteht die Gefahr, die Sache ernst zu nehmen: Wenig ist so verhängnisvoll wie die Sünde, an die eigene Propaganda zu glauben.

Zum Zweiten ist unser Job mit dem Überleben nicht getan. Er fängt erst an. Denn Abbau und Konzentration in der Presse haben in den drei Jahren unserer Existenz rasant zugenommen: Beim Branchenleader TX Group (früher bekannt als Tamedia) werden weiter Zeitungen zusammengelegt (nun auch die regionalen), und es wird ein 70-Millionen-Sparprogramm verkündet (das entspricht 12 «Republiken»).

Erschwerend kommt hinzu: Während die Medienlandschaft schrumpft, verkümmert gerade auch der politische Diskurs. Klar, die Pandemie hat uns allen zugesetzt. Doch im Parlament sitzen gestandene Profis. Und was viele von ihnen an Wir-leben-in-einer-Diktatur-Klagen oder Sofort-alles-öffnen-Forderungen absondern, ist bemerkenswert weit weg von der Realität.

Und genau das ist der Job der Medien in einer Demokratie: Realität. Einen möglichst breiten Mainstream zu schaffen, also eine gemeinsame Basis an Fakten, über die dann gestritten werden kann. So, dass überhaupt Debatten, Kompromisse, Entscheidungen möglich sind.

Wir haben also noch zu tun. Nur: was genau?

Grosse Pläne?

Nach dem Start brauchten wir elend lange, um die Abläufe vernünftig hinzukriegen. Mit etwas Übertreibung könnte man sagen: Das versprochene «Expeditionsteam in die Wirklichkeit» brauchte zwei Jahre, um wirklich in der Wirklichkeit anzukommen.

Doch seit etwas mehr als einem Jahr läuft der Laden einigermassen rund. Publizistisch. Organisatorisch. Geschäftlich.

Das ist der Moment, wo die Geschäftsleute unter Ihnen die Augenbraue heben und sagen: «Was ist euer ‹Next Big Thing›?» Weil sie wissen, dass man den Erfolg schnell zu Tode verwalten kann.

In der Tat ist es beim Break-even meist höchste Zeit, sich a) neu zu erfinden. Oder b), wenn man keine Ideen hat, die Bude noch rechtzeitig zu verkaufen.

Da b) keine Option ist, müssen wir uns also erneuern, möglichst ohne das Vorhandene dabei zu ruinieren. (Was für alle neuen Ideen ein ziemliches Problem ist – und der Grund, warum der Erfolg so oft die Mutter des Misserfolgs ist.)

Ärgerlicherweise sind wir auf das Bundesamt für Gesundheit angewiesen. Wir müssen erst durchgeimpft sein, bis wir miteinander wieder vernünftig reden können. Auf Zoom kann man Pläne zwar umsetzen, aber nicht machen. Denn wirklich kühne Pläne entstehen unserer Erfahrung nach nie auf Papier, nie in einem gezielten Meeting oder in einem einzelnen Kopf, sondern in einer an Zeitverschwendung grenzenden Debatte möglichst verschiedener Köpfe – sobald eine Idee endlich alle überzeugt, klappt sie oft auch in der Wirklichkeit.

Unser derzeitiger Stand ist: Wir wissen, dass wir auf keinen Fall bequem werden dürfen. Und dass wir mit aller Kraft gegen die Stagnation anwachsen müssen. Aber wir wissen noch nicht, wie genau.

Und ärgerlicherweise noch nicht einmal, wann.

Kleine Pläne.

Inzwischen machen wir das Magazin und den Hausputz.

Immerhin zwei kleinere, aber lohnenswerte Projekte haben wir:

1. Wir machen mehr Kurzes …

Seit ihrem ersten Newsletter ist die «Republik» berüchtigt für ihre langen Texte. Und wird gern wie folgt verspottet:

Bild: Kenneth Goldsmith «Printing out the Internet» via Tweet von Manuel Weingartner

Dabei war das Ganze eher ein Unfall. Zwar hatten wir lange Texte in unserem Konzept – aber nicht ausschliesslich. Doch beim Start im Januar 2018 hatten die Journalistinnen an Bord derart Angst vor den geschürten Erwartungen, dass so gut wie alle Texte von halber Buchlänge schrieben. In der Hoffnung, die würden so garantiert gewichtig genug sein.

Als sich dann vier, fünf Monate später alle entspannt hatten, war es zu spät: Autoren wie Leserinnen hatten sich daran gewöhnt, dass typische «Republik»-Texte schamlos lang sind.

Wir können das nicht mehr ändern. Aber ergänzen.

Seit Jahren arbeiten wir daran, auch kurze Recherchen, Essays, Skizzen zu schreiben. Wir können das, wie etwa hier …

  • Kaputte Kultur
    Fast 80 Mitarbeiterinnen der Tamedia berichten in einem offenen Brief von einer «männlich geprägten Betriebskultur». Sie haben recht – aber das Problem geht tiefer.

  • Das Märchen vom E-ID-Wettbewerb
    Bisher unveröffentlichte Dokumente zur Verordnung über die elektronische Identität zeigen: Egal für welchen Anbieter Sie sich entscheiden – am Schluss weiss jeder alles über Sie.

  • Grün hinter den Öhrchen
    Stängelkohl ist so hässlich, wie sein Name klingt. Doch als Cima di Rapa, in Kombination mit der passenden Pasta, ist das Grünzeug unschlagbar.

  • Creddit Suisse
    Nicht nur Kleinanleger, auch Grossbanken können mit Investments komplett durchdrehen. Das beweist aktuell die CS.

… aber wir tun es immer noch viel zu selten. Bis Ende Sommer wollen wir systematisch daran arbeiten, auch die kurze Form in der «Republik» anzusiedeln.

2. … damit Sie mehr Zeit zum Arbeiten haben.

Da Sie – dort oben – nun Ihre Unschuld verloren haben, wollen wir Ihnen gleich weitere Gelegenheiten geben, noch mehr Unschuld zu verlieren.

Am schwierigsten für Sie wird die Abstimmung über eine der vielleicht wichtigsten Unternehmensentscheidungen sein. Denn wie es im Parlament momentan aussieht, werden ab 2023 auch Online-Medien staatlich unterstützt. Subventionen für die «Republik» – ja oder nein?

(Wann genau Sie abstimmen, ist unklar. Das ergibt erst dann Sinn, wenn das Kleingedruckte bekannt ist. Und das kann im Parlament noch dauern.)

Aber wir versprechen Ihnen: Es wird ein Dilemma, das einer Teppichetage würdig ist. Wir sind jetzt schon gespannt, wie Sie entscheiden werden.

Inzwischen bleibt uns nur eine Verbeugung. Dank Ihnen sind wir in den letzten drei Jahren weiter gekommen als in unseren kühnsten Träumen.

Bleiben Sie mutig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Ihre Crew von Project R und der «Republik»

PS: Wie versprochen hier noch etwas ausführlicher die Zahlen. Weil die «Republik» im Januar 2018 an den Start ging, fallen immer zu Jahresbeginn die meisten Erneuerungen der Mitgliedschaften an. Diesen Januar haben 86 Prozent ihre Jahresmitgliedschaft erneuert (2020 waren es 75 Prozent, und 2019 waren es 61 Prozent). Im März 2021 gab es ausserdem zum ersten Mal eine zweite Klippe, weil im Jahr davor die Wachstumskampagne viele neue Verlegerinnen an Bord gebracht hat. Mit 76 Prozent war auch diese Erneuerungsquote erfreulich hoch. Innert Jahresfrist ist das Total der aktiven Jahres­mitgliedschaften per Ende März um 23 Prozent gewachsen, der Bestand der Monats­abos um 29 Prozent. Damit hält die «Republik» stabil über 28’000 Mitglieder und Abonnentinnen.

PPS: Sie hätten es gerne noch ausführlicher? Dann empfehlen wir Ihnen die sieben Statistiken zum Geschäft der «Republik» für mehr Details und Visualisierungen. Und das Cockpit der «Republik» für den Stand der Zahlen in Echtzeit.

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