Sie haben die Verantwortung - und die Wahl

Fünfte Urabstimmung und Wahlen des Genossenschaftsrats von Project R

Sehr geehrte Frau Verlegerin,
sehr geehrter Herr Verleger – and everyone beyond

Ästhetisch gleicht die Demokratie vor allem der Philatelie. Dieser Newsletter enthält mehr Köpfe als ein mittelgrosses Briefmarkenalbum.

Der Grund ist: Sie haben die erfreuliche Pflicht, das anstrengende Privileg, Ihre Vertretung in der Verlagsetage zu wählen.

(Dies trifft natürlich nur zu, sollten Sie schon Mitglied der Project R Genossenschaft sein. Besitzen Sie ein Monatsabonnement oder sind Sie abgesehen von diesem Newsletter gar keine Leserin der «Republik», können Sie sich zurücklehnen: Geniessen Sie die folgenden Zeilen im Wissen, dass es für Sie momentan nichts zu tun gibt.)

Doch zuerst ein paar freundliche Zahlen:

Die Revision hat soeben bestätigt: Der Überschuss aus dem letzten Geschäftsjahr beträgt exakt 1’116’429 Franken. Dank Ihnen ist die «Republik» damit nun hochoffiziell ein funktionierendes Geschäftsmodell.

Die doppelte Bilanz zu Geschäft, aber auch zur Publizistik (1359 Beiträge; 14’158’371 Zeichen) können Sie in diesem verblüffend verständlich geschriebenen Geschäftsbericht nachlesen.

Was heisst, dass Sie, falls gewünscht, die Verwirrung selber herstellen können. Etwa durch die Berechnung der durchschnittlichen Länge eines Republik-Beitrags: 10’418 Zeichen.

Oder des Überschusses pro Zeichen: 7,88 Rappen.

Die Zeit dafür haben Sie, weil dieses Mal die Urabstimmung zu den Geschäftszahlen keine komplexe Frage ist. Bei der Annahme der Jahresrechnungen sowie der Entlastung des Vorstands empfehlen Verlag, Vernunft und Genossenschaftsrat ein überzeugtes Ja.

Die Traktanden im Überblick:

  1. Wahl Vorstand

  2. Wahl Mitglieder Genossenschaftsrat

  3. Wahl Präsidium Genossenschaftsrat

  4. Bestätigung Revisionsstelle 2021/2022

  5. Genehmigung Geschäftsbericht inkl. Konzernrechnung 2020/2021

  6. Genehmigung Jahresrechnung Project R 2020/2021

  7. Entlastung Vorstand 2020/2021

Wahlen – Teil 1: Vorstand der Genossenschaft

Ein weit mühsameres, aber durchaus interessantes Stück Arbeit für Sie werden jedoch die Wahlen.

Zum Ersten der Vorstand. Hier werden Sie bemerken, dass dieses Jahr plötzlich doppelt so viel Köpfe kandidieren. Ein Grund ist, dass wir den Vorstand der Project R Genossenschaft und den Verwaltungsrat der Republik AG zusammenlegen. Das deshalb, weil wir zwar zwei Gesellschaften, zwei Rechtsformen, aber ein Konzern sind.

In der Praxis tagen beide strategischen Gremien fast seit Beginn des Unternehmens zusammen – also ist es Zeit für etwas Vereinfachung. Wir besetzen deshalb beide mit den gleichen Leuten. Was heisst: Wir bilden schlicht die Realität ab.

Dazu haben wir uns entschieden, neue Erfahrung, neue Energie, neue Ideen in die strategischen Gremien zu holen – das, weil bei vielen Start-ups die Gründer und Gründerinnen wie die leiblichen Eltern sind: Sie wissen zwar tatsächlich alles besser, aber vor allem über die Vergangenheit.

Die neue strategische Crew besteht also aus folgenden Personen:

Clara Vuillemin (Vorstandspräsidentin, bisher): Sie studierte Elektrotechnik in Lausanne und Moskau und führte die «Republik» in mehr Bereichen als sonst jemand: etwa als IT-Chefin, Geschäftsführerin, Leiterin der Überlebens­kampagne. Sie ist seit drei Jahren Präsidentin des Vorstands der Project R Genossenschaft, und wir freuen uns sehr, dass sie weiterhin dabei ist.

Sylvie Reinhard (bisher): Sie gründete ihr erstes Start-up gleich nach dem Gymnasium, danach weitere zwei – und coachte dazu Dutzende junger Unternehmen. Noch vor dem Crowdfunding kam sie zur «Republik». Was zuerst wie ein faszinierender Nebenjob ausgesehen hatte, wurde schnell ein faszinierender Höllenritt. Als Verwaltungsratspräsidentin der Republik AG managte sie souverän, ruhig – und wie es heute aussieht: erfolgreich – sämtliche Krisen der Unternehmensgeschichte.

Peter Schmid (bisher): Der Genossenschafts- und Finanzspezialist hatte zahllose Funktionen und Posten im gemeinnützigen Wohnungsbau und berät aktuell ebenso zahllose Genossenschaften. Er vertritt im Gremium am dezidiertesten den Blick von aussen. Es ist ein Gewinn, ihn an Bord zu haben.

Constantin Seibt (halb neu): Zwar schrieb Mark Twain, dass Journalisten «ein Leben lang darüber nachdenken, welchen Beruf sie eigentlich verfehlt haben». Doch in einem Journalismus-Unternehmen macht es Sinn, jemand an Bord zu haben, der von dem Beruf eine Ahnung hat, den er verfehlt hat. (Nur halb neu ist Constantin, weil er als Verwaltungsrat der Republik AG bereits an sämtlichen Project-R-Sitzungen am Tisch sass.)

Regina Meier (ganz neu): Sie ist, falls man das so sagen kann – eine Veteranin des Neuen. Sie gründete noch im Studium die Condomeria (ein Fachgeschäft für Kondome), wechselte als Beleuchterin zum Theater, wurde aber dort schnell Veranstalterin, ging dann als Buchhalterin zu Greenpeace, wo sie später zur Organisationsentwicklerin wurde. Organisationsentwicklung ist auch ihr Ressort bei der «Republik». Und der Übergang vom idealismus­getriebenen Explosionsmotor zu einem energiesparsameren Modell.

Alfonso von Wunschheim (ganz neu): Er war Gründer, CEO, Berater bei kleinen wie grossen Unternehmen und Unternehmungen – von local.ch bis zum Mediendigitalisierungsbeirat des damaligen Bürgermeisters von Hamburg (und wahrscheinlich baldigen deutschen Bundeskanzlers) Olaf Scholz. Alfonso ist als Stratege immer auf der Suche nach Mehrwert, sein Interesse gilt insbesondere auch der Weiter­entwicklung von einem Start-up zu einer seriösen Firma.

Wir empfehlen alle sechs zur Wahl. Bei Skepsis oder nur Neugier können Sie jedoch auf der Abstimmungs- und Wahlseite mit allen korrespondieren.

Den obigen, aber auch mit allen 46 nun folgenden.

Ich habe es eilig, jetzt wählen

Wahlen – Teil 2: Der Genossenschaftsrat

Vor drei Jahren hatten Sie bereits einmal die Wahl zum Genossenschaftsrat – doch damals war sie – wie wir zugeben müssen – etwa so frei und fair wie eine Wahl in Nordkorea.

Wir empfahlen damals eine Liste von 30 Leuten, die bequemerweise auch mit einem Klick gemeinsam wählbar waren.

Das Resultat war weniger Republik als Volksrepublik: Wer auf der Liste stand, erreichte im Minimum 3312 Stimmen, wer nicht, im besten Fall 783 Stimmen.

Der Grund war, dass wir einen Genossenschaftsrat wünschten, der nach Alter, Geschlecht, Regionen ausgewogen war.

Das übrigens nicht aus politischer Korrektheit, sondern aus ökonomischem Kalkül: Wir schätzen Diversität vor allem als Versicherung gegen eine der gefährlichsten Berufskrankheiten der Medienbranche: Blindheit.

Nun, seitdem haben wir etwas nachgedacht.

Und haben dieses Mal das Prinzip angewandt, das Demokratie so unangenehm für alle Beteiligte macht: Wir überlassen die Verantwortung Ihnen.

Sie haben 46 Köpfe zur Wahl – davon 23 Männer, 21 Frauen und 2 Personen, die sich nicht einem binären Geschlecht zuordnen. Im Alter von 19 bis 72 Jahren. Und aus allen Regionen des Landes.

Was wir jedoch getan haben, ist ein Tool zu programmieren, bei dem Sie am Ende Ihrer Auswahl die Verteilung nach Geschlechtern, Alter und Regionen sehen. Das sieht dann etwa wie folgt aus (hier als Beispiel der Genossenschaftsrat von 2018):

Sie können nachher bei Ungleichgewichten Ihre Wahlliste neu justieren. Oder es auch lassen.

Doch einen Wunsch haben wir trotzdem. Am Anfang der Liste stehen die 13 bisherigen Räte und Rätinnen – und wir bitten Sie, diese wiederzuwählen.

Das nicht nur, weil die Bisherigen uns mit ihrer Kompetenz und Hartnäckigkeit beeindruckt haben (und uns ein wenig ans Herz gewachsen sind), sondern auch zur Wahrung der Kontinuität: Die «Republik» und Project R sind ein komplexes Unternehmen – und der neue Rat soll in Sachen Know-how nicht wieder bei null anfangen.

Wir geben allerdings zu, dass die neuen Kandidatinnen faszinierend sind – ihre Fachgebiete reichen von Bauleitung bis zur Molekularbiologie. (Sie können die Profile mit einem Klick auf den Namen lesen.)

Wir sind sehr stolz darauf, so kluge und engagierte Leute als Kandidaten zu haben. Und sogar ein wenig eingeschüchtert: Hier versammeln sich mehr akademische Titel und breitere Lebenserfahrung als im operativen Teil des Unternehmens.

Alles in allem bedeutet das für Sie: mehr Ärger. Sie werden eine echte Wahl treffen müssen. Was heisst – eine, die nicht leicht ist.

Falls Sie das sofort erledigen wollen:

Los gehts, jetzt wählen

Wahlen – Teil 3: Das Präsidium des Genossenschaftsrats

Neben dem eigentlichen Genossenschaftsrat wird auch dessen Präsidium neu gewählt. Die bisherige Präsidentin Tanja Messerli, die das Gremium mit Bravour durch die Turbulenzen der Startjahre führte, möchte neuen Köpfen Platz machen. (Als Kandidatin für den Rat bleibt sie uns aber erhalten!)

In diesem Jahr stellt sich eine Doppelkandidatur zur Wahl. Wir freuen uns sehr, dass wir diese aus den Reihen der Bisherigen rekrutieren konnten.

Mit Carla Allenbach und Flavio Frei bewerben sich zwei junge, aber erfahrene Genossenschaftsräte für das Präsidium. Beide kennen den Rat und das Unternehmen sehr gut und haben es durch eine Menge Hochs und ein paar Tiefs begleitet. Flavio Frei ist als bisheriger Co-Vizepräsident bereits mit den Aufgaben des Amts vertraut. Carla Allenbach hat im Rat die Arbeits­gruppe Marketing aufgebaut und geleitet. Ausserdem war sie von Winter 2019 bis Frühling 2020 für ein paar Monate als engagierte Mitarbeiterin bei der Überlebenskampagne dabei.

Wahlen – Teil 4: Warum Sie wählen sollten

Ihre Wahl ist tatsächlich wichtig. Der letzte Genossenschaftsrat hatte es nicht leicht. Aber er hat in ein paar entscheidenden Momenten eine entscheidende Rolle gespielt.

Das erste Mal in der langen, fast eineinhalb Jahre dauernden Startphase – als Redaktion und Verlag oft noch unklar war, was genau zu tun wäre. In Druck und Chaos tendierte die «Republik» – wie jeder Organismus – dazu, seine Augen im Zweifel mehr nach innen als nach aussen zu richten: weil es im eigenen Unternehmen schlimmer und gefährlicher zuging als im Rest der Welt.

Der Genossenschaftsrat sorgte damals dafür, dass die «Republik» das Publikum und das Versprechen von Transparenz nicht vergass – bzw. diesen Job wegen dringlicherer Aufgaben nicht verschob. Ohne ihn hätten wir weit weniger über den Stand des Unternehmens Auskunft gegeben. Weniger über die Debattenkultur im Forum nachgedacht. Oder uns einen Tick weniger Mühe für einen auch für Laien verständlichen Geschäftsberichts gemacht.

Dann die Krise. Als die «Republik» im Winter 2019 finanziell vor dem Aus stand, reagierte der Genossenschaftsrat mit harter Kritik und noch härteren Fragen. Und mit einer nicht weniger harten Debatte um die zukünftige Strategie: Verwaltungsrat und Vorstand waren für eine Vorwärtsstrategie – keinen Abbau, sondern das Unternehmen durch mehr Investoren und Mitglieder zu retten. Dagegen plädierten mehrere kompetente Stimmen im Genossenschaftsrat für ein konservativeres Vorgehen.

Von heute aus gesehen war der tollkühne Plan richtig – die «Republik» entrann nicht nur erstaunlich undramatisch dem Konkurs, sondern erreichte schon bei Sommeranfang die schwarzen Zahlen.

Doch wäre das ohne die heftige Auseinandersetzung davor weit schwerer möglich gewesen – auch weil die Kritik im Genossenschaftsrat das Unternehmen zwang, alles einmal mehr durchzurechnen und die Argumente zu schärfen.

Dass am Ende mehr als 1000 Komplizinnen in allen Landesteilen Neuabonnenten der «Republik» warben, lag nicht zuletzt an der Einschätzung, dass ihr Einsatz nicht chancenlos war. Dabei beteiligt waren nicht wenige der härtesten Kritikerinnen im Genossenschaftsrat, die an der bemerkenswerten Aufgabe arbeiteten, mit ihrer Prognose nicht recht zu behalten.

Die obige Debatte war in ihrer Dramatik singulär, aber nicht völlig untypisch für das Verhältnis zwischen dem operativen Unternehmensteil der «Republik» und dem Rat aus der Verlagsetage. Es gab neben gut gelaunten Sitzungen durchaus ein paar Friktionen und Frustrationen. Was kein Wunder war bei zwei sehr verschiedenen Tempos. In einem Start-up sieht die Welt zuweilen alle zwei Wochen völlig anders aus. Während der komplette Rat sich zweimal pro Jahr trifft. Und also zwangsläufig die Sicht mit Fernrohr einnimmt.

Die Forderungen nach entflechteter Governance und sauberer Rechnungs­legung schienen dem Start-up teils so absurd wie umgekehrt dem Genossenschaftsrat die Egal-wie-es-im-Lehrbuch-steht-solange-wir-damit-die-nächsten-paar-Wochen-überleben-Praxis.

Das wird sich zwar angleichen. Doch genau das ist und war der Job des Genossenschaftsrats: nicht nur das geteilte Engagement, sondern auch die gemeinsamen Missverständnisse.

Wir danken allen 13 Genossenschaftsrätinnen, die an Bord bleiben möchten. Und wir danken allen 30 für die drei Jahre bisher:

Anja Kyia Dräger, Anna Sophie Wendel, Antonia Bertschinger, Bettina Naef, Carla Allenbach, Christian Heuss, Deniz Yüzüak, Eva Baier, Eva Neugebauer Camenisch, Flavio Frei, Johanna Rossi, Jonas Kampus, Karin Friedli, Manuel Bamert, Margarethe Letzel, Marie Anne Moser, Michel Rebosura, Moritz Wedell, Nina Scheu, Olive Haymoz, Oliver Reinhardt, Philipp Schori, Philippe Kramer, Rassan Kubba, Regula Bochsler, Roger Staub, Roland Messmer, Samuel Brülisauer, Tanja Messerli, Walter Steinmann.

Merci für die Zeit, die Neugier, die Nerven, das gemeinsame Wagnis.

Ebenso Dank an alle Neukandidierenden für ihren Mut.

Und danke Ihnen hier, wenn Sie sich als Verleger, als Verlegerin die Zeit und die Mühe nehmen, Ihre Verantwortung wahrzunehmen. Und zu wählen.

Ihre Crew von Project R und der «Republik»

PS: Die Wahl läuft seit heute, 12. November, Punkt 5 Uhr. Und endet am Sonntag, 28. November, Schlag Mitternacht.

PPS: Wie gesagt: Sie können allen 52 Kandidatinnen alle möglichen Fragen stellen. (Mit Antworten auf eigenes Risiko.)

PPPS: Wir gratulieren der Geschäftsführerin der «Republik», Miriam Walther, ganz herzlich zu ihrer Wahl als Medienmanagerin des Jahres 2021.

PPPPS: Falls Sie ein paar Minuten mehr Zeit haben – werfen Sie einen Blick in den Geschäftsbericht. (Er ist auf der Titelseite mit einem Baby illustriert.)

PPPPPS: Zum Abschluss eine kurze Warnung von George Bernhard Shaw: «Demokratie ist ein Verfahren, das garantiert, dass wir nicht besser regiert werden, als wir es verdienen.»

PPPPPPS: Falls Sie noch nicht dabei sind, aber das ändern wollen – kommen Sie hier an Bord! (Es kostet Sie weniger als fünf Minuten.)

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