Der Countdown für den «Republik»-Start

Am 15. Januar 2018 gehts los.

Ladies and Gentlemen,

es ist bald Zeit, anderes zu schreiben als Geschäftsbriefe wie diesen, zum Beispiel Weihnachtskarten oder Magazin-Geschichten. Aber erst bald.

Hier also unsere letzten Unternehmensnachrichten vor dem Start der «Republik», die mit aller Wahrscheinlichkeit wie eine Rakete starten wird. Weniger, weil der Start so fadengerade wird, sondern weil er in Stufen erfolgt.

Das liegt in der Natur der Publikation. Eine gedruckte Zeitung oder ein Print-Magazin taucht quasi fertig designt auf, aus einem harmonischen Guss, so wie Roger Federer einst in Wimbledon 2003. Ein Magazin im Netz dagegen gleicht Stan Wawrinka. Dieser tätowierte sich ein Motto von Beckett auf den Unterarm: «Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.»

Wir werden im Januar ähnlich agieren: «Versucht. Gescheitert. Egal. Erneut versuchen. Erneut scheitern. Besser scheitern.» Und die «Republik» in Stufen starten – wir beginnen mit dem Notwendigen und schalten dann Funktion um Funktion, Kolumne um Kolumne, Erweiterung um Erweiterung auf. Nicht Perfektion ist das Ziel bei unserem Start, sondern Perfektionierbarkeit.

Dies zum Teil, weil unser Team erst nach und nach an Bord kommt. Aber auch, weil ein Magazin im Netz das Privileg hat, sich schneller verändern zu können. Wir müssen unseren Vorteil nutzen. Denn so schlank die «Republik» ist, hat sie doch den Vorteil, eine mit rund 14’500 Verlegerinnen und Verlegern (zumindest nach der Zahl der Köpfe) weit überlegene Teppichetage zu haben. Wir werden Ihre Geduld, Ihre Neugier, Ihre Kritik brauchen können.

Nun, gestern Abend wurde im «Kosmos» in Zürich zum ersten Mal die Redaktion vorgestellt, zum Thema «Stand der Arbeit, Stand des Irrtums». Rund 300 von Ihnen sind gekommen. Danke! Es war ein aufregender Abend.

Hier das erste Bild von der erstmals fast komplett versammelten Redaktion:

Jan Bolomey für Republik

Und hier das Bild von einem Teil der die Redaktion inspizierenden Teppichetage:

Jan Bolomey für Republik

Falls Sie es gestern nicht an den Anlass schafften, hier ein kurzes Memo zu dem, was Sie als Verlegerin interessieren könnte. (Und wenn Sie lieber schauen als lesen, finden Sie hier den Livestream des Anlasses.) Das Design der Website wurde aus Traditionsgründen nicht gezeigt. (Man sagte uns, es sei wie das Hochzeitskleid, das auch erst in der Kirche getragen wird.) Dafür enthüllten wir das zentrale Planungsinstrument zum Aufbau der Redaktion, gaben die ersten Chefredaktoren bekannt und das Datum, an dem das Unternehmen startet.

Eins nach dem anderen.

1. Die Maschine

Hier erhalten Sie – zum ersten und zum letzten Mal – einen Blick in das zentrale Planungsinstrument für den Aufbau der «Republik»-Redaktion. Es wird intern «die Wand» oder «die Maschine» genannt – und ist eine mannshohe Grafik, die zum Ziel hat, die «Republik» auf A1-Grösse zu bringen: alle Leserversprechen, alle publizistischen Konzepte und Kanäle, alle Produktelinien, alle Abläufe und alle Qualitätskontrollen wie Korrektorat oder Faktencheck.

Die Wand steht im schweren Verdacht, strategischer Wahnsinn zu sein. Weil, wie unser neuer Social-Media-Experte Robin Schwarz bemerkte, «bekanntlich kein Kriegsplan je die erste Schlacht überlebt hat». Ihre Architekten Christof Moser und Clara Vuillemin dagegen behaupten, dass das Überlebenstüchtige an der Maschine ihr modulartiger Aufbau ist: Wenn ein Teil des Konzepts nicht funktioniert, kann es ausgewechselt werden.

Was stimmt? Urteilen Sie selbst:

Hier nur zwei kleine Ausschnitte zum dem, was Sie wahrscheinlich am meisten interessiert: das Produkt. Es handelt sich hier um Begriffe, die wir jeden Tag, Sie aber nie wieder hören werden.

Der erste Ausschnitt behandelt das Problem der Geschwindigkeit. Unser Versprechen an Sie war, eine Stimme in der politischen Debatte zu werden. Also nicht einfach exotisch schöne Geschichten zu liefern, sondern solche, die sich im Wind, Schmutz, Nebel der Gegenwart bewegen. Andererseits haben wir ebenfalls den Verzicht auf Hektik versprochen: dass wir mit der Gelassenheit eines Lords, mit der Zurückgelehntheit einer Lady schreiben wollen.

Was uns ins Dilemma bringt: Wie schnell sollen wir reagieren? In Stunden, in Wochen, nächstes Jahr? Um die Frage der Geschwindigkeit zu klären, behelfen wir uns mit einem Raster, nach Tieren aufgeschlüsselt:

  • Die Ameise: Unsere kleinste Form. Die Ameise ist ein kleines Skizzenformat für Anekdoten, Nebengedanken, Kurzpolemiken, um uns in Form zu halten.

  • Das Wiesel: Unsere schnellste Geschwindigkeit, nur mit Zurückhaltung eingesetzt, falls etwas so Entscheidendes wie Dringendes passiert: Ein oder zwei Personen haben einen Tag, um eine Einschätzung, einen kurzen Überblick oder einen neuen Aspekt zur Sache zu bringen.

  • Der Leopard: Etwas Wichtiges passiert. Und wir versuchen mit einer Reporterin oder einem Kleinteam in zwei, drei Tagen Klarheit darüber zu bekommen, was eigentlich wirklich an Wichtigem passiert ist.

  • Der Elefant: Das Tier mit Gedächtnis, dem Sinn für Tod und einer zweifingrigen Hand im Gesicht. Ein Elefant kann mit seinem Rüssel ein rohes Ei unbeschadet aufheben, aber auch eine Tür einschlagen. (Ah, Ganesha, so sollte man schreiben können!) In der Republik ist der Elefant das Codewort für komplexe Fälle: für Artikel und Recherchen, die eine Woche und mehr brauchen.

  • Das Mammut: Die grossen, mehrköpfigen, teuren, teils mehrmonatigen Recherchen und Projekte. Für diese haben wir ein Jahresbudget von 240’000 Franken reserviert (mehr dazu hier).

  • Der Adler: Nicht alle interessanten, dringlichen Dinge sind gerade aktuell – eigentlich die wenigsten. Der Adler ist der Produktionsname für bestellte Essays – vor allem auswärts, bei den besten Experten, die wir finden können. (Denn trotz aller Hybris glauben wir nicht, dass wir in jedem Fall die besten Autoren sind, die wir finden können. Zudem haben wir im Crowdfunding ein Budget für internationale Autorinnen versprochen.)

So weit die Geschwindigkeiten, mit denen jemand bei uns einen Auftrag erhält, mit Worten wie: «Mach ein Wiesel!», «Bring mir einen Elefanten!» etc.

Konzeptuell wird sich die «Republik» in drei publizistische Bereiche aufteilen: «Editorial» (die Redaktion schaut in und auf die Welt), «Meta» (die Redaktion erklärt Handwerk und Irrtümer) und «Social» (die Redaktion steht im Dialog mit Ihnen, dem Publikum).

Dazu kommen folgende vier Produktelinien:

  • Die Recherche: Hier geht es um klassische Geheimnisse: die im Verborgenen. Nach dem Motto zahlreicher Verleger, von William Randolph Hearst bis Katharine Graham: «Nachrichten sind, was irgendwer nicht gedruckt sehen will – der Rest ist Werbung.»

  • Der Erklärartikel: Ziemlich oft ist das Problem, um Klarheit zu haben, nicht der Mangel an Information, sondern ihre Fülle. Der Rechercheur kämpft sich durch den Wust an Artikeln, Meinungen, Urteilen, Statistiken, um am Ende das Kondensat oder das Panorama zu schreiben. Und die am besten verborgenen Geheimnisse zu finden: die im Offensichtlichen.

  • Das Lagerfeuer: So bedeutend Politik, Wirtschaft, Gesellschaft sind, es bleibt die Tatsache, dass wir die Hauptdarsteller im eigenen Leben sind. Jeder, jede hat Dilemmas, Geheimnisse, Träume, Ziele und Entscheidungen, die zu treffen sind. Zeit für die «Republik», zum Fachblatt für das Drama des Privatlebens zu werden.

  • Datenjournalismus: Mal ist Datenjournalismus, etwa bei Infografiken, zwar nur der Diener eines Artikels. (In der Art wie der Butler, der oft auch klüger und präziser als der Lord ist.) Mal sind die Daten, ob öffentlich zugänglich oder aus dem Verborgenen gehoben, der Motor für starke Geschichten, dann treiben sie die Worte vor sich her.

Zugegeben, das sind vier grobe Richtungen. Und mit der Zeit sollen verträumte Erzähler und harte Rechercheurinnen, Analytiker und Reporterinnen, Nerds, Künstlerinnen, Pitbulls in der «Republik» so eng zusammenarbeiten, dass ihre Arbeit zusammenwächst. Aber bis dahin wird noch einige Zeit vergehen. Und bis dahin brauchen wir obigen Kompass, um zu planen, wo Geschichten hingehen.

2. Die Struktur aus Stahl

Eines der Dilemmas ist die Frage nach Flughöhe und Geschwindigkeit. Ein anderes ein Vierbuchstabenwort: Team. Wir haben sehr verschiedene Profis an Bord geholt, rund fünfzig-fünfzig nach Geschlecht, mit sehr verschiedenen Temperamenten, Erfahrungen, Fähigkeiten – die «Republik» ist eine klassische Autorinnenzeitung. Und Autoren mästet man vorzugsweise mit Freiheit.

Andererseits braucht die «Republik» einen Stil, eine Richtung, eine Debatte, einen Fokus – zerfleddert sie, ist sie nur eine Boutique für interessante Köpfe.

Wir haben uns lang überlegt, wie wir das Dilemma von Führung und Freiheit, von Schlankheit und Struktur angehen. Unser erster Versuch dazu ist folgender: Wir versuchen etwas Neues – eine Jahreszeitenchefredaktion.

Die Idee ist folgende:

  • Setzt man einen brillanten Kopf an die Spitze, ist das ärgerlich: Denn man verschwendet dessen Talent ans Organisieren. Setzt man einen zweifelhaften Kopf an die Spitze, ist das noch schlimmer.

  • Deshalb ziehen wir den Chefredaktor, die Chefredaktorin nur für ein Vierteljahr von dem eigentlichen Job ab: Schreiben. In diesem Vierteljahr hat die Person eine – durchaus sportliche – Herausforderung: etwas zu reissen und die «Republik» ein wenig mit den eigenen Ideen zu prägen.

  • Damit niemand unvorbereitet in den Job geht, ist jeder Chefredaktor vor Amtsantritt erst einmal ein Vierteljahr Vize. Das ist ein eher leichter Job: Er ist Sparringpartner der amtierenden Chefredaktorin, aber ohne bürokratische Pflichten.

  • Überhaupt ist der Job des Chefredaktors nicht der härteste. Sie hat vor allem die Aufgabe einer Hebamme: die Geburt junger Texte durch Ideen, Drohungen, Schmeicheleien so energisch wie möglich zu fördern. Und dann ein wenig Repräsentationspflicht nach aussen zu übernehmen: Denn oft verlangen Podien, Interviewerinnen, Geschäftspartner, Branchenprofis nach dem Chef. Und die sollen sie bekommen, mitsamt Abwechslung.

  • Sie ahnen es: Die härteste Arbeit erledigen andere. Unter der Chefredaktion haben wir eine schlanke Struktur aus Stahl angesiedelt, zwecks Kontinuität. Das sind, als Chefin vom Dienst, Andrea Arezina, die Frau für den Produktionsprozess. (Und ihr Stellvertreter Christian Andiel.) Textchef Ariel Hauptmeier, Doktor bei allen Schreibproblemen und Verantwortlicher für das Finish. Brigitte Meyer und Andreas Wellnitz, die sich um alles Visuelle kümmern. Marco Di Nardo, der Produzent. Und Clara Vuillemin, die IT-Chefin. Auf ihren Schultern ruht die Organisation – und eines fernen Tages auch die Tradition.

Aufrichtig gesagt, ist die Begeisterung von Management-Profis für dieses Modell gemischt. Es gibt durchaus ernst zu nehmende Warnungen: etwa, dass die Amtszeiten zu kurz sind oder die Verantwortlichkeiten nicht klar.

Unsere Antwort darauf ist: Wir wollen das Modell probieren, weil es noch nie probiert wurde. Aber bewährt es sich nicht, schaffen wir es wieder ab.

So wie wir vieles erfinden und wieder abschaffen werden. Niemand erwartet, dass beim Start alles rundläuft. Deshalb wird sich die Redaktion im ersten Jahr auch jeden Monat zu einer kurzen Bilanzsitzung treffen mit nur drei Fragen: Was lief gut? Was nicht? Was müssen wir ändern?

Sie aus der Verlagsetage werden den Stand des Irrtums mindestens alle drei Monate mitbekommen. Der abtretende Chefredaktor wird Ihnen schreiben, was als Erbe seiner Amtszeit bleibt und was als Problem.

Nicht umsonst haben wir Ihnen im Crowdfunding ein «Expeditionsteam in die Wirklichkeit» versprochen. Dieses Versprechen werden wir direkter halten, als uns manchmal lieb ist: Vor uns liegt Neuland und Nebel – ein echtes Abenteuer, was heisst: ein zeitweise unkomfortables. Wir wissen zwar, wohin wir wollen, aber werden anfangs auf Sicht navigieren.

Die Chefredaktion für 2018 sieht übrigens wie folgt aus: Das erste halbe Jahr machen die Mitgründer Christof Moser und Constantin Seibt zusammen den Job – schon, weil sie für allen möglichen Ärger die Hauptverantwortlichen sind. Bis im Frühling werden ihre Nachfolger feststehen für die zweite Jahreshälfte. Im schlimmsten Fall werden sie aufräumen müssen, im besten Fall eine neue Stufe zünden können.

3. Der Countdown

Und ja, wir haben ein Startdatum. Es ist der 15. Januar 2018, Punkt sieben Uhr morgens. Und ja, wir sind auch gespannt, wie das Magazin dann wird. Sogar sehr. Und ja, es wäre eine gute Idee, diesen Brief zu beenden und sich an die Arbeit zu machen. In der Redaktion laufen die fieberhaften Vorbereitungen für den Start. Reportagen werden in Auftrag gegeben, Recherchen geplant, Formate erfunden, Ideen geprüft, umgesetzt oder verworfen. Es gibt noch viel zu tun bis Januar.

Ihnen, geehrte Verlegerinnen, geehrte Verleger, wünschen wir eine entspannte Vorweihnachtszeit. Danke für Ihre Neugier, Ihre Geduld, Ihr Vertrauen im Jahr des Firmenaufbaus.

Wir sehen uns am 15. des nächsten Monats um 7 Uhr. Und danach täglich.

Herzlich,

Ihr Team von Project R und der «Republik»

PS: Falls Sie zwar kein Magazin, aber Weihnachtskarten schreiben wollen und keine Idee haben, was reinschreiben, hätten wir eine Idee für Sie: Schenken Sie ein Jahr lang weniger. Also die Republik. Denn wir versprechen, nicht mehr als drei Artikel oder Produktionen pro Tag zu veröffentlichen.

Oder machen Sie es wie in Paris:

PPS: Und falls Sie noch etwas drauflegen wollen – ein perfekt republikanisches Zusatzgeschenk wäre ein Republik-Notizbuch. Denn es ist unbestritten: Wer liest, denkt mit fremdem Gehirn, wer aber schreibt, mit dem eigenen. Oder übergeben Sie eine Republik-Tasche dazu, um Einkäufe und Verantwortung zu tragen.

PPS: Falls Sie uns bei einer Recherche helfen wollen, hier noch eine letzter, aber wichtiger Vorschlag. Wir haben mit den Investigativprofis von ProPublica aus New York zusammengespannt und ein Programm namens «Political Ad Collector» für die Schweiz adaptiert. Es geht darum, herauszufinden, welche Rolle unsichtbare Facebook-Werbung (sogenannte Dark Ads) in Schweizer Abstimmungskämpfen spielen – etwa bei «No Billag». Es würde Adrienne Fichter (ach was, der ganzen «Republik»!) weiterhelfen, wenn Sie das kleine Werbejäger-Programm installieren könnten. Alles weitere erfahren Sie hier.

Thanx! Merci!

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