Die neusten Neulinge an Bord der «Republik»

«Es gibt noch viel zu tun. Aber im grossen Ganzen ist es jetzt vollzählig: Ihr Expeditionsteam in die Wirklichkeit.»

Ladies and Gentlemen,

eine der Überraschungen bei der Gründung eines Unternehmens ist, dass man bereits damit wunschlos ausgelastet ist. Und feststellt: Im Prinzip wäre eine voll funktionierende Firma auch ohne Produkt denkbar. Quasi als Firma an sich.

Sie als Verlegerin oder Verleger der «Republik» wird beruhigen, dass das nicht unsere Absicht ist. (So reizvoll es wäre.) Wir haben einige Fortschritte gemacht: Die Finanzplanung steht, der Prototyp des Publikationssystems läuft – und zwar elegant! – und der Grossteil der Redaktion ist angeheuert. Also sind alle Fundamente für den Start im Januar gelegt.

Zu Budget und IT später. Heute wollen wir Ihnen zunächst die zweite Welle der neuen Redaktionsmitglieder vorstellen. (Die erste Welle finden Sie in diesem früheren Newsletter.) Es sind acht neue Leute, für die Sie ab sofort zu einem kleinen Teil der Chef sind – und ab Januar auch Kritikerin.

Gehen Sie zu Anfang freundlich mit ihnen um. Sie sind noch ganz neu an Bord.

Solmaz Khorsand, 32

Reporterin

Solmaz Khorsand arbeitet als Lokalreporterin der «Wiener Zeitung». Sie kann, was selten ist: so gut zuhören wie schreiben. Die Kombination davon ist eine Art Technicolor-Maschinengewehr-Stil: kurze Sätze, farbige Zitate. Ihre Eltern, damals Marxisten, sassen im Iran unter dem Schah im Gefängnis. Nach der Revolution wurden sie entlassen, vier Jahre später flohen sie nach Wien: Ihre Befreier hatten eine Diktatur errichtet. Kurz darauf wurde Solmaz geboren. Sie schickten sie in katholische Privatschulen, dort machte sie mit 14 eine Schülerzeitung, mit 19 kam sie zum eben gegründeten Monatsmagazin «Datum». Dieses wollte den «New Yorker» für Österreich machen, zwar ohne Geld, aber dafür mit Idealismus, Rückgrat und Druck. Khorsand lernte das Redaktionscredo, dass «alle Menschen böse sind». (Denn selbst die Freundlichsten wollen dir ihre Agenda aufdrücken.) Beim Schreiben zählte nur der «perfekte Text», man fühlte sich zehn Kilo schwerer. Es war eine perfekte Schule, wenn auch eine exzentrische. Später arbeitete Khorsand in der Onlineredaktion beim «Standard», bei den Österreichseiten der «Zeit», sechs Monate recherchierte sie in New York für eine Vermögensverwaltung über die Vorlieben von Superreichen und schloss zwei Studien ab: die Journalistenschule in Dublin und Wien; dann Internationale Beziehungen an der Johns Hopkins University in Washington und Bologna. 2013 begann sie bei der «Wiener Zeitung». Dort sagte man ihr: «Schreib, was du willst.» Sie tat es. Und schrieb über alles Ungemütliche: Sebastian Kurz, Swingerclubs, den Rauchersheriff, Stricher, Männeranzüge, die FPÖ, Polizeischulen, Dunkin’-Donuts-Filialen und die Machtmaschine der Wiener Sozialdemokratie. Beim Schreiben ist der Wienerin die Klarheit so wichtig wie die Fairness: Alle Menschen verdienen Ironie, alle verdienen Respekt. Dazu reiste sie viel. Sie sah sich in Weissrussland und in Singapur um, sah, wie man in einer archaischen und einer fürsorglichen Diktatur lebt – und schrieb eine preisgekrönte Reportage über ihre fünf Monate in der theokratischen Diktatur im Iran: «Iranische Verwandlung». Im Frühling 2017 gelang ihr Historisches. Sie war nach 314 Jahren die erste Frau, die einen Leitartikel in der «Wiener Zeitung» schrieb. Er endete mit dem Satz, dass «die Welt aus mehr besteht als aus weissen Männern in Anzügen». Ab Februar 2018 schreibt sie in der «Republik».

Mark Dittli, 43

Wirtschafts-Autor

Der Wirtschaftsjournalist Mark Dittli wuchs in Kloten auf. Und machte die kaufmännische Lehre beim «Grössten, was es gab»: der Swissair. Sein wahres Berufsziel war Pilot. (Er machte das Flugbrevet für Einmotorige, später auch für Akrobatikflüge.) Die Swissair schickte ihn auf Praktika nach Brüssel, London, Stockholm. Zurück in Zürich landete er im Marketing bei Atraxis, verkaufte Flugmanagementsoftware und studierte Betriebswirtschaft an der HWV in Zürich. Dort schrieb er in der Studentenzeitung «Susi». («Meist Albernes.») Auf der Reise danach, in Chile, erreichte ihn eine E-Mail seiner Französischlehrerin, die «Finanz und Wirtschaft» suche Leute. Dittli bewarb sich. Und wurde 2000 Redaktor. Eine seiner ersten grossen Storys war eine, die ihm das Herz brach: der Untergang der Swissair. 2003 schickte man ihn als Korrespondenten nach New York. Dittli blieb fünf Jahre, fasziniert von Amerika, dem Boom, den Zeitschriften «New Yorker» und «Atlantic» und den cleveren Köpfen überall. Kaum zurück in Zürich, brach das Bankensystem zusammen – und hinterliess mehrere Tausend Milliarden Verluste, ein faszinierendes Rätsel (wie konnte das passieren?) und für Dittli die Erkenntnis, «dass wir grundsätzlich weniger wissen, als wir glauben». 2012 wurde Dittli Chefredaktor: Er übernahm eine Zeitung mit viel Staub, altem Publikum, null Onlinepräsenz – in einem Verlag, der sparte. Dittli renovierte das Blatt. Die «Finanz und Wirtschaft» war im Kern ein Fachblatt für Anleger – und Dittli entschied, dass ohne Zusammenhänge kein Investor mehr vernünftig entscheiden konnte: Er brachte mehr und mehr Makroökonomie. Und baute fast ohne Budget eine Onlineseite auf. Seine Philosophie als Chefredaktor war: Als Boss musste er doppelt überzeugen. Erstens seine Leute von seinen Ideen, zweitens persönlich: beim Schreiben. Er tat dies meist nachts, für die eigene Zeitung wie für den ökonomischen Nerd-Blog «Never Mind the Markets». Dittli war in den USA ein eleganter Stilist geworden, so lässig wie klar: 2014 erhielt er den Zürcher Journalistenpreis für einen Artikel über die verpassten Chancen nach der Finanzkrise. 2017 kündigte Dittli. Er hatte gesehen, was zu sehen war: Strategien, Dienstpläne, Sparrunden, den «ganzen administrativen Irrsinn». Ihn interessierte Neues. Ab Januar schreibt er halb für die «Republik», halb entwickelt er eigene Projekte.

Olivia Kühni, 38

Chefin Analyse und Wissenschaft

Olivia Kühni wuchs in einer alten Villa in einem Garten mit vielen Geschwistern auf, unbehütet wie Pippi Langstrumpf. Das verschaffte ihr eine lebenslange Neugier auf Organisation: Als Kind interessierte sie sich dafür, wie andere Familien zusammenleben, und wunderte sich, dass jede ihre Art für die Normalität hielt – sie las früh über Religionen, Mythen, Politik. Sie war die Erste ihrer Familie, die ein Gymnasium besuchte, während alle Kindheitsfreunde Lehrlinge wurden. Mit 17 zog sie für ein Jahr allein nach Kalifornien und verschmolz im Melting Pot: Die unruhige Mischung von Spannung und Hoffnung nahe dem Silicon Valley passte zu ihr. Kein Wunder, machte sie den besten Englischabschluss ihrer Highschool. Es war das prägende Jahr und das, das sie unglücklich machte. Zurück in der Schweiz fühlte sie sich festgeleimt: eine Zeitreisende, deren Zeitmaschine kaputt ist. Sie ging nach St. Gallen und studierte Internationale Beziehungen: Ökonomie, Staatsrecht, Politik. St. Gallen war eine schlechte Zeit mit guten Noten. Kühni mochte den Druck der Kaderschmiede, aber nicht ihren Mangel an Neugier. Danach ging sie an zwei Journalismusschulen in Hamburg und Luzern. Nicht, weil Journalismus ihr Traumberuf war, sondern der am wenigsten definierte. Ihren ersten Job hatte sie im Newsnetz, der noch jungen Onlinemaschine von Tamedia: Sie arbeitete erst Schicht am Newsdesk, dann als stellvertretende Nachrichtenchefin, dann in der Wirtschaft. Sie mochte das Pionierhafte – dass sich alles Monat für Monat änderte. Ihre längeren Reportagen schrieb sie für die «Zeit». 2012 ging sie zur «Handelszeitung»; dort machte sie investigativen Wirtschaftsjournalismus: Sie fand etwa als Erste den Beweis, dass die UBS die anderen Banken an die USA verraten hatte. Ihren bisherigen Lieblingsjob bekam sie beim «Schweizer Monat», wo sie stellvertretende Chefredaktorin wurde: Das liberale Magazin änderte mit einem kleinen Team seine Richtung und brachte Fragen statt Besinnungsaufsätze, neue Autoren und Frauen auf dem Titel. Für die Liberale Kühni ist Liberalismus vor allem Ambivalenz: kein Rezept, sondern der Respekt für die Komplexität, die grundsätzliche Unreinheit der Dinge. Denn bei eindeutiger Lage gibt es keine Entscheidungen. Sie sind nur welche, wenn man einen Preis zahlt. An der «Republik» schätzt Kühni vor allem das Risiko: «Gefahr ist grossartig. Wenn der Ausgang klar wäre, müsste man es nicht machen.» In ihrer Funktion als Chefin für Analyse und Wissenschaft wird sie nicht zuletzt die Themen betreuen, die in der Luft lagen, als sie mit 16 in Kalifornien war: Hirnforschung, Genetik, Nerd-Utopien, der Umbau des Menschen durch Biotech und Maschinen. Die Zeit hat die Zeitreisende endlich eingeholt: Ihre Themen von damals sind heute die Themen aller. Als Schreiberin ist Kühni die unsentimentalste Romantikerin, die sich denken lässt: Sie liebt die Poesie von Statistiken, Taten und Deals, hasst gefühlige Argumente, und das Schönste scheinen ihr Logistik und Management: «Es gibt nichts Berührenderes als die Tatsache, dass die Zeit auf Erden begrenzt ist. Und deshalb gibt es keine existenziellere Frage als die, wie man Ressourcen einsetzt.»

Daniel Binswanger, 47

Autor Kultur und Politik

Daniel Binswanger gilt bei seinen Fans als Instanz, bei Politikern als Superinsider und bei seinen Gegnern als Dandy mit arroganter Frisur. Ihn wundert das alles. Er hält sich für «einen der am schlechtesten angezogenen Männer in Zürich»: Er hat seit Jahren nur ein Set der immer gleichen Anzüge. Und nichts in seinem Leben qualifizierte ihn für eine der obigen Rollen. Binswanger wuchs in Hottingen auf, sein Vater war Mediziner, ein «knallharter Schwerarbeiter». Im Gymnasium übersprang Binswanger eine Klasse und wurde trotzdem fast hinausgeschmissen (er sah den Morgen nicht als Zeit an, in der vernünftige Leute unterwegs sind). Mit 23 ging er nach Paris, wo er 20 Jahre lebte. Er arbeitete an einer ewigen Dissertation über «Metaphysik und Ästhetik zwischen Leibniz und Kant». Stipendien aus anderen Städten lehnte er ab. Gelegentlich schrieb er für das Rock- und Intellektuellenmagazin «Les Inrockuptibles». Er war 33, als sein erster Artikel auf Deutsch erschien: Das Porträt der Schauspielerin Charlotte Rampling wurde im «Magazin» gleich die Titelgeschichte und brachte 3000 Franken. Für Binswanger, ewig pleite, «eröffnete sich ein unendlich leichterer Weg, Geld zu verdienen, als mit Deutschunterricht». Er folgte dem Weg – und landete, statt «in Würde eine Professur in der französischen Provinz zu bekleiden», im Journalismus. Schliesslich wurde er fest angestellt, erst bei der «Weltwoche», dann beim «Magazin». Seine einzige Bedingung: Er blieb in Paris. Auf seinen Ausflügen nach Zürich fing er an, sich wieder für die Schweiz zu interessieren. Oder genauer: sich zu ärgern. 2008 schlug ihm das «Magazin» vor, seine Nebenbemerkungen doch in eine Kolumne zu packen. Es war die Zeit der Finanzkrise. Binswanger frass sich durch die ökonomische Literatur: Die Kolumne wurde eine Mischung aus Theorie und Polemik. Binswanger, ein «Typ in einer Pariser Dachstube», wurde auf Anhieb zu einem der wichtigsten politischen Kommentatoren der Schweiz. «Anfangs spielte ein Zorro-Effekt: Niemand wusste, wer ich bin. Nationalräte schrieben mir: ‹Wie können Sie es wagen, mich zu kritisieren? Ich habe noch nie ein Bier mit Ihnen getrunken!›» Binswanger erklärt sich das Echo seiner Kolumne mit zwei Dingen. Erstens damit, dass er die Hintergrundliteratur und die Statistiken liest: «Die Leute mögen es, wenn jemand Zusammenhänge bringt.» Und zweitens mit seiner reizbaren Persönlichkeit: «Ich habe einen natürlichen Hang zur Schärfe.» Dass er bei seinen Feinden als weit links gilt, erscheint ihm absurd, nur erklärlich durch den starken Rechtsruck des Mediensystems. «Mein einziges Vorbild ist Martin Wolf, und mein Leibblatt die ‹Financial Times›.» Vor vier Jahren änderte sich Binswangers Leben radikal: Nach der Geburt der ersten Tochter ist er nach Zürich gezogen. Nun steht er am Morgen auf. Für die «Republik» wird er 2018 seine Kolumne weiterschreiben. Und über das schreiben, wofür sein Herz eigentlich schlägt: Literatur, Kunst, Philosophie.

Andrea Arezina, 32

Chefin vom Dienst

Die Republik holte sie, als es um Tod und Leben ging: in den zwei Monaten des Crowdfundings. Denn Andrea Arezina ist klar eine Frau, die den Unterschied macht als erfolgreichste Campaignerin des Landes. Dabei wuchs sie in Banja Luka im ehemaligen Jugoslawien auf – nicht der klassische Weg dafür, in der Schweiz politische Kampagnen zu machen. Sie führte Wahlkämpfe, etwa für Min Li Marti oder Jacqueline Fehr. Und war der Kopf hinter den zwei härtesten Abstimmungskampagnen der letzten Jahre. Sie gewann beide: Die Unternehmenssteuerreform III scheiterte trotz Millionen der Wirtschaft. Ebenso wie die anfangs noch unbesiegbar scheinende SVP-Durchsetzungsinitiative. Kurz: Arezina ist eine Spezialistin für das Unwahrscheinliche. Und blieb es bei der «Republik», die beim Start ebenfalls ein Projekt gegen die Wahrscheinlichkeit war. Beim Crowdfunding schlug die «Republik» dann mit 3,4 Millionen den Weltrekord für Mediencrowdfundings um das Doppelte. (Und den Schweizer Rekord für Crowdfundings, den ebenfalls Arezina gehalten hatte: mit 1,2 Millionen gegen die Durchsetzungsinitiative.) Es war ein Ergebnis jenseits aller Planung – und wer dabei war, sah, wie sie es tat: durch Planung, konzentriert, mit Nerven aus Stahl. Das war, was eine Redaktion braucht – Journalistinnen und Journalisten können vieles, aber kaum je Organisation. So wechselt Arezina nun die Seite: von der Politik in den Journalismus. Sie gab alle politischen Mandate ab – und wird nun die Chefin vom Dienst: für Pünktlichkeit, Timing, Deadlines. Sie wird zum zentralen Teil des Motors einer neu zusammengesetzten Redaktion – von allen Jobs, die ihr angeboten wurden, war es der härteste. Deshalb nahm sie ihn. Und aus Abenteuerlust. Und weil sie im Leben immer drei Dinge interessieren: Politik. Sport. Journalismus. Das härteste Opfer dabei ist der Verzicht auf Witz. In politischen Sitzungen war sie die Frau, die auflockerte. In der Redaktion ist ihr Job, die Witze zu beenden. Und für das zu sorgen, worum es geht: Produktion.

Andreas Wellnitz, 42

Bildberater

Andreas Wellnitz ist in der Branche einer der wenigen unumstrittenen Leute: Alle halten ihn für einen geborenen Profi in Sachen Bild. Doch rückblickend wäre es genauso möglich gewesen, dass er «die Nachbarstochter geheiratet hätte und Dreher geworden» wäre. Wellnitz wuchs in einem hessischen Kuhdorf auf – es gab mehr Kühe und Schweine als Menschen. Er verliess die Schule mit 16, ohne Idee. Oder doch mit einer: Er wollte Werber werden, denn die Leute zu belügen und zu veräppeln, schien ihm eine gute Sache. Doch seine Zeugnisse waren zu miserabel. Nach einigem Herumbummeln zwang ihn sein Vater in eine kaufmännische Lehre, abends spielte er in Punkbands. In Hamburg traf er eine Frau, die Bildredaktorin vom Magazin «Tempo». Er bat sie, ihm irgendeinen Job im Zeitschriftenbusiness zu beschaffen. Sie hiess Puppe Engel. Und handelte wie einer. 1997 verschaffte sie Wellnitz eine Praktikantenstelle in der Fotoredaktion der Illustrierten «Max». Wellnitz tütete am Tag Fotos für Rücksendungen ein; die Nacht verbrachte er im Keller, in einem gigantischen Zeitschriftenarchiv. Wellnitz blätterte Jahrgänge von «Stern», «Life» und «Rolling Stone» durch. Der Keller wurde zu seiner Universität – und Wellnitz stieg bei «Max» durch die rasante Fluktuation aus dem Nichts zum Bildchef auf. Durch einen Fotografen wurde Wellnitz nach Zürich vermittelt, wo Roger Köppel mit Wendelin Hess das neue «Weltwoche»-Magazin plante. Durch die Konzentration auf wenige, über viele Stunden ausgewählte Einzelbilder wurde die «Weltwoche» unverwechselbar – als Wellnitz fünf Jahre später wieder in Berlin auftauchte, war er in der Szene berühmt – als «der Schweizer». (Das, obwohl Bildredaktor «ein Beruf irgendwo dazwischen» ist – «nicht Autor, nicht Fotograf, nicht Designer: Wenn ich mich vorstelle, glauben die meisten Leute zuerst, ich sei Redaktor der ‹Bild›-Zeitung.») In Berlin entwickelte Wellnitz die Bildsprache bei neuen Magazinprojekten der FAZ, für «Du», für Ferrari, für Red Bull. (Endlich Werbung!) Dann wurde sein Hauptjob das «Zeit-Magazin» – «die zweite Superzeit nach der Weltwoche». 2009 eröffnet Wellnitz eine eigene Firma: eine Bildboutique mit heute fünf Leuten. Seit fünf Jahren ist diese für das «Magazin» zuständig. Auf 2018 wechselt Wellnitz mit seinem Büro zur «Republik» – ihn faszinieren die Freiheit, das Risiko und das Digitale. Bei der Auswahl von Bildern ist Wellnitz ein klarer Gegner einer eigenen Bildsprache. Man müsse von Artikel zu Artikel Bilder jeder Temperatur nutzen: lustig, historisch, klischiert, billig – oder Fotografen engagieren, von Annie Leibovitz bis zu jungen Talenten. «Bilder sind ein Orchester – von Pauke bis Harfe.» Dass er keine Ausbildung brauchte, dass sein Job vielleicht nicht lernbar ist, erklärt Wellnitz so: «Es ist kein Handwerk. Der Job hängt davon ab, dass du nicht aufhörst, dich für die Welt zu interessieren, dass du nicht zynisch wirst, dass die Neugierde nie stirbt.»

Mona Fahmy, 50

Autorin

Mona Fahmy wuchs zwischen New York und Beirut auf. Ihr Vater, ein Ägypter, starb, als sie 4 war. Ihre Mutter, eine Schweizerin, war Geschäftsfrau. Ihr Gebiet waren schlüsselfertige Grossprojekte – komplette Spitäler oder Pipelines. Auf Fotos stand sie oft als einzige Frau zwischen 150 Männern. Als der Golfkrieg ausbrach, telefonierte sie den Kindern aus Bagdad, mit Explosionen im Hintergrund. «Das war Mami.» Doch was immer auch passierte, die Kinder kamen zuerst. Ihre Telefone wurden direkt durchgestellt: Wenn Fahmy Ärger in der Schule hatte, mussten die anwesenden Minister warten. Als der Bürgerkrieg Beirut erreichte, zog die Familie in die Schweiz. Fahmy war 11 und die Liberalität des nahen Ostens gewohnt. Die Schweiz war ein Schock, ein Land der Unfreiheit: mit Pünktlichkeit, Lärmverbot, Schlafenszeiten. Plus einer neuen Sprache. Sie brauchte drei Jahre, bis sie ihre Frechheit wieder fand. Nach der Matur, in Südfrankreich, krachte ein betrunkener Fahrer mit 160 km/h in Fahmys Wagen. Ein Polizist zog sie aus dem brennenden Auto, sie lag ein halbes Jahr im Spital. Die Story kam im «Blick» – es war ihre erste Erfahrung mit Journalismus. Drei Jahre später studierte sie Betriebswirtschaft – so gelangweilt wie ehrgeizig. Danach schlug sie alle Jobangebote von Banken aus – und rettete Delfine. Und entdeckte das Rezept, wie man als Idealistin seine Geld- und Vergeblichkeitsprobleme löst. Sie gründete eine Eventagentur zwecks Fundraising und hatte mit Musikern viele Einnahmen, Action, Spass und Reisen. Dann starb ihre Mutter. Fahmy schloss ihre Agentur und ging auf die Journalistenschule. Es war der Anfang einer 17 Jahre währenden Flipperball-Karriere zwischen «Blick», «SonntagsBlick», «Facts», «Annabelle», «SonntagsZeitung» und «Tages-Anzeiger»/Newsnetz, mal als Reporterin, mal als Chefin. Fahmys Spezialität waren «die weite Welt und die bösen Jungs». Sie schrieb über Terroristen, Gauner, Guerilleros, Geldwäscher, Mörder, Kriege und den Nahen Osten; ihre Recherchen führten sie an Orte wie Kolumbien, Tschad und Libyen. Von 2007 bis 2009 machte sie an der Hochschule Luzern den Master in «Economic Crime Investigation» – Stunden vor der Geburt ihres ersten Kindes las sie Strafrechtsartikel zur Bekämpfung der Geldwäscherei. Sie hatte den Plan gefasst, ihren Job zu verlassen: «Denn kaum jemand wühlt noch im Dreck.» 2013 beerdigte sie den Journalismus. Sie machte sich als Risikoanalystin selbstständig. Sie recherchierte nun für Firmen. Ihr Job wurden Backgroundchecks zu möglichen Geschäftspartnern, Mitarbeitern, Märkten und Parnerfirmen – zu Bonität, Ruf und kriminellen Verwicklungen. Daneben gab sie Recherchekurse für Profiermittler. 2015 erschien ihr Buch «Der Tod, das Verbrechen und der Staat» über organisierte Kriminalität in der Schweiz. Im Herbst 2017 entschloss sich Fahmy zu zwei neuen Abenteuern. Sie gründete eine eigene Firma: Universal Risk Consulting. Und sie schreibt wieder, nun für die «Republik»: zu Politik und Verbrechen.

Urs Bruderer, 47

Bundeshaus-Autor

Als Urs Bruderer im Herbst 2001 Bundeshauskorrespondent wurde, war seine herausragende Kompetenz, keine zu haben. Die Anzahl seiner Artikel über Politik betrug exakt null. Er war in einem Einfamilienhäuser-Schlafdorf bei Basel aufgewachsen. Und hatte in Bern Philosophie studiert: Kants «Kritik der reinen Vernunft» war das einzige Buch, das er dreimal gelesen hatte. Nun war er über Nacht der zentrale Politberichterstatter der «Wochenzeitung» WOZ. Seine einzige Waffe war sein Stil. Er hatte als Volontär beim NZZ-Folio gelernt, wie man Texte schreibt: genau, schlank, schnell. Und das genügte. Wie sich herausstellte, war sein Mangel an Erfahrung ein Vorteil. Denn die Welt änderte sich im Herbst 2001: Flugzeuge flogen in das World Trade Center, die Swissair groundete, die Börse platzte, die SVP boomte. Erfahrung war plötzlich die trübere Brille als Neugier. Der Philosoph entpuppte sich als kaltblütiger Profi. 2005 wechselte er zum Magazin «Facts». Und wurde schnell unglücklich: «Facts» verlangte Thesen, «die so bunt und vielschichtig waren wie die weissen Wände der Sitzungszimmer, in denen sie geboren wurden». Im Jahr darauf ging Bruderer als Produzent zum «Echo der Zeit». Seine Aufgabe war, Hektik in Ruhe zu verwandeln: Das «Echo» bearbeitete den Tag, aber mit der Gelassenheit eines britischen Salons. Drei Jahre später ging er fürs Radio nach Brüssel. Er berichtete über die EU. Und über die Eurokrise, die in diesen Jahren wie ein Schwelbrand wütete: mal helle Panik, mal scheinbare Ruhe. Für Bruderer bedeutete sie ein Nachstudium in Ökonomie. 2014 zog er als Osteuropa-Korrespondent nach Prag. Er berichtete aus Ungarn und Polen, wie sich Demokratien in autoritäre Demokratien verwandelten, wie greise Bulgaren ihr Dorf in ein selbst verwaltetes Altersheim verwandelten, und wurde bei den Anti-Korruptions-Demonstrationen in Rumänien für einige Tage als Volksheld gefeiert, weil er in seinem Interview dem mächtigsten Politiker ein entlarvendes Zitat entlockt hatte. Im Sommer 2018 kehrt Bruderer für die «Republik» dorthin zurück, wo er ein halbes Leben davor begann: ins Bundeshaus.

Das wars. Damit ist der grösste Teil der Crew an Bord. Zwar ist die Redaktion längst nicht fertig. Es fehlen noch ein, zwei Engagements, die Verteilung von Fixa und Kolumnen. Es gibt noch viel zu tun. Aber im grossen Ganzen ist es jetzt vollzählig: Ihr Expeditionsteam in die Wirklichkeit.

Wir hoffen, dass das klappt. Denn jeder Journalist, jede Journalistin trägt eine Brille, geschärft und getrübt durch Temperament und Leben – auch wir. Wir haben deshalb darauf geachtet, eine möglichst gemischte Redaktion anzuheuern, gemixt nach Alter, Fähigkeiten, Herkunft, Charakter, Erfahrung. Und fifty-fifty nach Geschlecht. Unsere Leute kommen aus so unterschiedlichen Redaktionskulturen wie denjenigen bei NZZ, «Blick», WOZ, «Schweizer Monat», GEO, «Magazin», «Schweiz am Sonntag», «Tages-Anzeiger», «Handelszeitung», «Schweizer Illustrierte», «Finanz und Wirtschaft», «Wiener Zeitung» – es geht zu wie in einer Hafenkneipe. Wir hoffen damit, dass die Blindheiten weit genug gestreut sind, sodass der zweidutzendäugige Organismus klarsieht.

Und Sie von Zeit zu Zeit ärgert. Und von Zeit zu Zeit stolz macht, Verlegerin oder Verleger der «Republik» zu sein.

Was die Politik und die Redaktionsstruktur angeht, folgt bald mehr. Inzwischen: die besten Wünsche des Zweidutzendaugenorganismus für den Herbst!

Mit herzlichen Grüssen in die Verlagsetage

Ihre Crew von Project R und der «Republik»

PS: Am 13.11. findet im Kosmos in Zürich die dritte Project-R-Veranstaltung statt. Diesmal zum heiklen Thema Aktivismus und Journalismus. (Das deshalb, weil immer mehr NGOs und sogar Konzerne journalistische Aufgaben übernehmen – und das zum Teil hervorragend.)

PPS: Um den Verband «Schweizer Medien» aus seiner Einsamkeit zu erlösen, haben wir einen zweiten gegründet: den Verein «Medien mit Zukunft». Er steht Publikationen abseits der Grossverlage offen, die weniger an Lobbying denn an Inhalt interessiert sind. Wobei man nicht zu streng sein sollte. Deshalb hier etwas verbandsinternes Lobbying: Das Zürcher Stadtmedium «tsüri.ch» macht gerade ein Crowdfunding. Und wir können Ihnen für lange Abende «Reportagen» empfehlen. Die neueste Ausgabe handelt vom steigenden Meer, Wölfen, Sportbüstenhaltern und einer Irrenanstalt. Alles weitere dazu finden Sie hier.

PPPS: Falls Sie noch nicht Verlegerin sind, aber den obigen Leuten eine Chance geben wollen, einen weiteren Chef oder eine weitere Chefin zu haben, können Sie das in fünf schnell entschlossenen Minuten hier tun: www.republik.ch

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